Die Zaunrübe
Als Heil- und Zauberpflanze ist sie schon seit der Antike bekannt. Griechen und Römer beschrieben den therapeutischen Nutzen der Pflanze, wobei die "therapeutischen" Effekte aus heutiger Sicht eher als Vergiftungserscheinungen zu interpretieren sind, denn die Pflanze ist in allen Teilen stark giftig. Auch ihre mythologische Bedeutung ist mindestens seit dem Mittelalter sehr groß. Als Heil- wie auch als Zauberpflanze war und ist die Zaunrübe schon immer sehr widersprüchlich. Ihr haften Heilung und Tod gleichermaßen an wie Schutz, Verlockung, Täuschung und Betrug.

Schon von je her führt die Pflanze ein Dasein im Schatten. Sie wächst am Rand, an Mauern, Zäunen und Hecken, ihre Blüten sind klein und wie ihre schönen Blätter fallen sie nur dem aufmerksamen Beobachter ins Auge. Auch als Zauberpflanze stand sie im Schatten der viel mächtigeren aber ihr ähnlichen Mandragora, der Alraune. Doch ihre Magie sollte auf vielerlei Art wirken.

Bild 1: Stickwurz (Zaunrübe) aus dem New Kreuterbuch (1543)

Botanischer Steckbrief
Die Gattung Bryonia (griech. bryein = sprossen, wachsen, ranken) umfaßt 10 Arten, von denen zwei Arten im süd- und mitteleuropäischen Raum von Bedeutung sind: die zweihäusige rote Zaunrübe B. dioica (dioica = zweihäusig, Syn. B. cretica ssp. dioica), deren Name sich von der Farbe der Früchte ableitet und die weiße Zaunrübe B. alba (alba = weiß), deren Name sich nicht von den (schwarzen) Früchten, sondern von der weißen Wurzel ableitet. Die Zaunrübe gehört zur Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae, lat. cucurbita = Kürbis), zu der etwa 700 Arten gehören und die der Ordnung Vioales zugeordnet ist. Zaunrüben sind Rankpflanzen, die eine Länge von 3 bis 4 Metern erreichen und meist an Mauern, Zäunen und Büschen emporwachsen. Die hier behandelte rote Zaunrübe sieht der weißen sehr ähnlich. Der sehr großen unterirdischen Rübenwurzel entspringt ein einjähriger zarter, behaarter Sproß, der mit langen spiraligen Ranken emporklettert. Die Blätter der Zaunrübe sind handförmig fünffach eingeschnitten mit ganzem oder gezähnten Rand. Die ebenfalls fünfzähligen Blüten sind grünlich oder gelblich weiß. Bei weiblichen Pflanzen sitzen sie direkt in den Blattachseln, während die mannlichen Blüten gestielt sind. Die kugelrunden Beerenfrüchte sind 0,5 bis 1 cm groß und im reifen Zustand scharlachrot. Die Zaunrübe blüht ab Juni, im August beginnen die Früchte zu reifen. Morphologisch zählt die Zaunrübe zu den ausdauernden Rübengeophyten, die jedes Jahr neue Knospen bilden.

Historischer Steckbrief
Aus der Antike und dem Mittelalter finden sich zahlreiche Quellen, in denen die Zaunrübe Erwähnung findet. Plinius, Galen, Dioskorides, Hieronymus Bock, Paracelsus und Hildegard von Bingen sind nur einige von Ihnen. Als Heilpflanze sprach man ihr vielfältige Wirkung zu. So empfiehlt Plinius die Pflanze zur Heilung von Brüchen, Entzündungen und Geschwülsten (1). Dioskorides (griechischer Arzt um Christi Geburt, verfasste eine ebenso bekannte wie umstrittene Arzneimittellehre) verwendet die Wurzel ebenfalls bei vielfältigen entzündlichen Krankheiten, zur Reinigung und Heilung der Haut, als Mittel zur Geburtshilfe wie auch zur Abtreibung und sogar gegen Epilepsie. (2). Gegen Geschwüre und Hautkrankheiten empfiehlt auch der mittelalterliche Apotheker Tabernaemontanus die Zaunrübe. Und wie viele Zeitgenossen erwähnt er ihre abführende Wirkung (3).

Im Mittelalter wurde die Wurzel ausgehöhlt und daraus Bier getrunken, was den Körper heilen und stärken sollte. Das Blut von Gichtkranken füllte man in die ausgehöhlte Wurzel und vergrub sie, um die Krankheit zu heilen (1). Letzteres fällt schon in den Bereich der Zauberkräfte, die man der Pflanze nachsagte und man sagte ihre eine ganze Reihe dieser Kräfte zu:

Um den Hals gehängt schütze sie gegen Behexung und helfe Kindern beim Zahnen; sie gilt als Schutz vor bösem Zauber, Gewitter und Bltzeinschlag (1); der Geruch (besser gesagt Gestank) der Wurzel vertreibe Schlangen und Raubvögel (2), (1); Dorfmädel legen Scheibchen der Wurzel vor dem Tanz in ihre Schuhe, denn "Korscheswurzel in meinem Schuh, ihr Junggesellen lauft mir alle zu" (4), (1). Im Mittelalter wurde die Zaunrübe immer in die Nähe der Alraune, der wohl mächtigsten Zauberpflanze gerückt, was auch aus den hier geschilderten Wirkungen deutlich wird, die man der Pflanze zuschrieb. Betrüger machten sich die Tatsache zunutze, dass sich beide Wurzeln ähnlich sind. So beklagt der Botaniker und Gelehrte Hieronymus Bock in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, dass "Landstreicher und Thiriak- und Wurmkremer" Figuren auf den Märkten feilboten, die aus der Wurzel der Zaunrübe geschnitzt waren und sie als echte Alraunwurzeln in Menschenform ausgaben (5).


Viele der magischen und medizinischen Eingenschaften, die der Volksmund dieser Pflanze zusprach, spiegeln sich in den Namen wider, die eben jener Volksmund für sie hatte: falsche Alraune, Faselrübe, Faulrübe, Feuerwurzel, Gichtrübe, Gichtwurz, Haningwurz, Heckenrübe, heilige Rübe (hilg Räuw), Hundrübe, Hundskürbis, Hundsrebe, Körfcheswurzel, Korscheswurzel, Perestup, Ragwurzel, Rasrübe, Raswurzel, Sauwurzel, Scheißwurz, Schelmwurz, Schmerzwurz, spanische Rübe, Stickwurz, Teufelskirsche, Tollrübe, weißer Enzian, wilde Weinranke, wilder Zitwer, Zaunranke, Zaunrebe.:

Pharmazeutischer Steckbrief
Die Zaunrübe enthält als Inhaltsstoffe Bryonicin und Bryonol (B. dioica) bzw. Bryonidin und Bryonin (B. alba) sowie Cucurbitacine, Saponin, Terpene und Kaffeesäure. Als Vergiftungserscheinungen werden Erbrechen, (z.T. blutiger) Durchfall, Schwindel, Krämpfe, Koliken und beschleunigter Puls beschrieben. Berührung der Wurzel und zerdrückter Beeren ruft brennende Hautreizungen hervor. Als Erste-Hilfe-Maßnahmen nennt die Literatur Kohlegaben und Erbrechen. Bei Einnahme von Pflanzenteilen ist ärztliche Behandlung notwendig. (6) Bryonia wird im homöopathischen Bereich u.a. zur Behandlung von rheumatischen und Atemwegserkrankungen eingesetzt.

Anwendung und Nutzen
Alle Teile der Pflanze sind stark giftig. Eine eigenständige innere oder äußere Anwendung muß auf jeden Fall vermieden werden. Medizinische Anwendung finden Wirkstoffe der Pflanze nur in äußerst geringen homöopathischen Dosen. Kinder sollten von der Pflanze ferngehalten werden.

Gärtnerisch gesehen besitzt die Pflanze dekorativen Wert und eignet sich für den naturnahen artenreichen Garten als bienenfreundliche Rank- und Spalierpflanze. Ähnlich der Alraune ist die getrocknete Wurzel der Zaunrübe ein magischer Talisman, Glücksbringer und Schutzzauber zugleich.

Übersicht

© Marco Kluge 2001 - 2003 alle Rechte vorbehalten