Zauberpflanzen: Die Magie der Pflanzen

Solange der Mensch denken und sich ausdrücken kann, gibt es Mythen. Sie sind zu allen Zeiten Begleiter des Menschen, helfen ihm, das Unerklärliche fassbar zu machen, den metaphysischen Sinn für das Leben zu finden und Träume, Ängste und Hoffnungen in Einklang mit der erlebten Umwelt zu bringen um überhaupt in dieser Umwelt leben zu können. In vielen dieser Mythen werden Pflanzen beschrieben, ihre Wirkung, verborgene Kräfte, ihre Bedeutung und ihre Ausstrahlung. In allen Kulturen und Religionen spielen Pflanzen eine wichtige Rolle, was nicht verwundert, denn schon immer versuchte der Mensch, seine Umwelt zu erklären und schon immer waren Pflanzen Teil dieser Umwelt.

So vertraut ihm die Pflanzen seiner Umwelt auch sind, scheint ihnen schon immer etwas unbekanntes uns geheimnisvolles zu eigen zu sein. Die Menschen kannten die Wirkung vieler Pflanzen und schrieben dem magische Ursachen zu. So sollten ihnen Geister, Elfen, Dämonen und Götter innewohnen, man sprach ihnen Zauberkräfte zu und verehrte sie als heilig.

Das Wissen um die Wirkung vieler Pflanzen stammt aus Erfahrungen, die zum Teil schon tausende von Jahren alt sind. Dieses Wissen hat gerade auch in unserer Zeit immer auch Einzug in die Medizin gehabt. Die Mythen berichten aber auch von Wirkungen, die jenseits der Medizin im Bereich der Magie und Zauberei zu finden sind. Während das Wissen über die medizinische Wirkung oft zum allgemeinen Volkswissen gehörte, blieb die Kunde über die magische Wirkung den Schamanen, Alchimisten und Hexen vorbehalten.

Pflanzen als Symbole
Der Begriff Symbol stammt vom griechischen symbolon ab und bedeutet "zusammenfügen". Nach der griechischen Sage bedeutet das ein Zeichen der Erkennung, indem man z.B. einen Ring in zwei Teile teilte. Die Träger der Teile konnten sich durch zusammenfügen der Bruchstücke gegenseitig ausweisen. Dieses "Symbol" war also ein Zeichen der Erkennung. In allen Kulturkreisen und Religionen findet man Symbole und Pflanzen stellen oftmals Symbole des Glaubens oder des Aberglaubens dar. Hildegard von Bingen, Nonne, Klostergründerin und Gelehrte des ausgehenden 12. Jahrhunderts, hat sich eingehend mit der christlichen Pflanzensymbolik auseinandergesetzt. Von ihr stammen auch mittelalterlicher Werke über die medizinische Wirkung der Pflanzen.

Pflanzen symbolisieren in der Mystik und im Volksglauben vielerlei Eigenschaften, Gefühle, Aufforderungen und Gestalten. Die Rose als Symbol der Liebe ist wohl das bekannteste Beispiel. Pflanzen symbolisieren oft Naturgeister, Elfen, Feen oder Dämonen, denn diese bewohnen und "beseelen" somit die Pflanze. Sie werden damit zum "Lebewesen" im doppelten Wortsinn. Das mag auch eine Erklärung dafür sein, warum häufig umfangreiche Rituale mit dem Sammeln von Pflanzen verbunden sind. Der Sammler kommuniziert dabei mit der Pflanze, beschwört und beschwichtigt sie, entschuldigt sich dafür, dass er sie von ihrem Standort entfernt oder gar tötet. Diese Ehrfurcht ist die Voraussetzung dafür, die Pflanze als Verbündeten zu gewinnen.

Aus dem Glauben an die beseelte Pflanze erklärt sich auch, das viele Pflanzen als heilig verehrt wurden. Beispiele finden sich im germanisch-keltischen und im arabischen Kulturraum aber auch bei den komplexen griechischen und römischen Zivilisationen. Ihre Wurzeln sind in den Anfängen von Religion und Mystik zu finden. Religion diente schon immer dazu, Antworten auf sonst nicht zu beantwortende Fragen nach Geist und Naturkräften zu geben. Frühe Religionen waren immer so genannte Naturreligionen, d.h. die Objekte des Glaubens fanden sich in der unmittelbaren Umwelt des Menschen (Tiere, Pflanzen, Steine, Naturmonumente wie Berge, Flüsse und Seen). Mit der Entwicklung des Wissens entwickelte sich auch die Religion und brachte "personifizierte" Gottheiten in menschenähnlicher Gestalt oder als Hybridwesen aus Tier oder Pflanze und Mensch hervor. Häufig waren dies polytheistische Religionen, bei denen mehrere Götter "aufgabenteilig" bestimmte Rollen übernahmen (z.B. Kriegsgott, Liebesgott, Göttin des Herdfeuers usw.). Erst viel später setzten sich Religionen mit nur einer omnipotenten Gottheit durch. Während sich viele Religionen sehr abrupt und Gewalttätig ihren Weg bahnten, entwickelte sich das metaphysische Gedankengut wesentlich langsamer. Glaubensgrundsätze und Rituale alter Religionen wurden vom "gläubigen Volk" in die neuen, meist aufgezwungenen Religionen integriert, was vom jeweils herrschenden Klerus oft toleriert oder gar gefördert wurde. Beispiele finden sich noch heute im Mittel- und Südamerikanischen und im Afrikanischen Kulturkreis. Auf diese Weise überlebten viele uralte Riten und Glaubensansätze. Moderne Spielarten dieser Renaissance finden sich z.B. in der Esoterikwelle und auf ungezählten Webseiten über Schamanismus, Zauberei und Hexenkult. Der Kult um Harry Potter ist durchaus ein Symbol für diesen Trend.

Pflanzen als Medizin
Die Verwendung von Pflanzen als Medizin hat ihren Ursprung ebenfalls im so oft bemühten Volksglauben und auch hier spielt die Symbolik eine wichtige Rolle. Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493-1541, s. Bild), auch Paracelsus genannt, ein mittelalterlicher Arzt, Philosoph und Alchimist, entwickelte eine Signaturlehre der Pflanzen. Er vertrat die Ansicht, dass die äusseren Zeichen der Pflanzen auf ihre innere Wirkung schließen lassen. So besitzt die Walnuss mit Schale und Kern die Signaturen des Kopfes (Schädeldecke) und des Gehirns (Kern mit "Hirnwindungen" und Kernhäutchen als "Hirnhaut"), die Blüte des Augentrost die Signatur des Auges, der Portulak die Signatur der Niere. Die Inhaltsstoffe der Vanilleschote wurden zur Steigerung der Potenz eingesetzt und die Alraune (engl. Mandrake - Menschenwurzel) wurde wohl deshalb zur wichtigsten magischen Pflanze, weil man in ihr den Menschen als ganzes symbolisiert sah.

In der modernen Medizin greift man immer mehr auf solche manchmal nur vermeintlichen Erkenntnisse zurück. Der an die menschliche Luftröhre erinnernde Ackerschachtelhalm beispielsweise spielt wegen der darin enthaltenen Saponine und Kieselsäure tatsächlich eine Rolle bei der Behandlung von Atemwegserkrankungen. Fast alle Pharmaunternehmen investieren in die Erforschung medizinisch wirksamer Pflanzensubstanzen.

Viele medizinisch wirksame Pflanzen (z.B. der Rote Fingerhut, Digitalis purpurea) sind giftig und entfalten ihre heilende Wirkung nur in entsprechend geringer Konzentration. In der Homöopathie sind diese Konzentrationen so gering, dass sie teilweise weit unterhalb der Nachweisgrenze liegen.

Die so genannte ethobotanische oder ethnomedizinische Nutzung von Pflanzen meint oft schlicht Drogenkonsum, denn viele Pflanzenwirkstoffe wurden von Alters her zur Erzeugung meist ritueller Rauschzustände genutzt:

Pflanzen als Zaubermittel

In diesem Zusammenhang werden oft die Flug- oder Hexensalben erwähnt, die fast immer psychoaktive Substanzen (z.B. Alkaloide) von Nachtschattengewächsen, Wolfsmilchgewächsen oder von Pilzen enthalten. Trance und ritueller Rausch spielten schon bei den Griechen (Orakel von Delphi) eine Rolle und sind bei schamanischen Heilritualen aber auch bei mystischen oder religiösen Meditations- und Visionsriten verbreitet. Hier werden die Inhaltsstoffe der Pflanzen als Zaubermittel eingesetzt. Aber auch die Pflanze als symbolische Gestalt hatte magische Bedeutung. So fertigte man aus Alraunenwurzeln und anderen Pflanzenteilen Amulette und Talismane, die den Träger vor allerlei Übel und Unbill schützen oder ihm Erfolg, Glück oder Heilung bringen sollten.

Für fast jede Absicht existierte ein entsprechender Pflanzenzauber, vom Liebestrank bis zum tödlichen Gift und für jeden Pflanzenzauber gab es einen Gegenzauber.

Pflanzen als Waffe
Solange Pflanzen den Menschen begleiten, nutzen sie ihm auch als Waffe. Sei es als Keule, Speer, Pfeil und Bogen, sei es als betäubendes oder tötendes Gift. Sie wirken unmittelbar im Kampf oder bei der Jagd oder schleichend, um so die Spuren desjenigen zu verwischen, der diese Waffe einsetzt. Giftmorde waren zu allen Zeiten ein ebenso probates wie diskretes Mittel der Politik. Pfeilgifte erschlossen dem Jäger Beute, die sonst zu groß, zu schnell, zu gefährlich oder zu weit entfernt war, um sie zu erlegen. Wie bei jedem andern Werkzeug, das sich der Mensch zunutze macht gilt auch für die Pflanzen, dass es vom Menschen abhängt, ob daraus Nutzen oder Leid entsteht.


Diese Darstellung aus dem “Struwwelpeter” soll den Philosophen und Magier Agrippa von Nettesheim (1486-1535) zeigen, der sich intensiv mit dem Studium magischer Pflanzen befasste.

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