Niem - Globetrotter, Entwicklungshelfer, Heiler

Kaum jemand, der sich mit Azadirachta indica beschäftigt, wird von diesem "Wunderbaum" nicht in seinen Bann geschlagen. Die Wirkungen, die diese Pflanze beinhaltet und die Effekte, die sie auf Natur und Menschheit auswirkt sind so vielfältig, daß sie in der Tat etwas von einem Wunder haben.

Viele dieser Wirkungen werden in der Heimat des Baumes, die vermutlich in Assam und Burma liegt, schon seit Jahrhunderten von den dort lebenden Menschen genutzt. Hierzulande machte Jean Pütz in der Sendung Hobbythek den Niembaum bekannt und salonfähig. Inzwischen ist der Baum weltweit zum Wirtschaftsfaktor geworden, der gerade den Menschen in Entwicklungsländern zugute kommt.

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Niem, die Hausapotheke
Die Sanskrit-Namen des Niembaumes, nimba und arishtha, bedeuten "Heilspender" oder "Erlöser von Krankheit" und deuten auf die medizinische Wirkung der Pflanze hin. Traditionell wird Niem als das Hausmittel gegen alle Arten von alltäglichen Beschwerden und Zipperlein eingesetzt. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen habe ebenso zahlreiche therapeutischen und prophylaktischen medizinischen Wirkungen festgestellt:

  • ähnlich dem Aspirin wirkt Niem antibakteriell, entzündungshemmend, schmerzstillend und fiebersenkend;
  • bei Pflanzen, Menschen und Tieren wirkt Niem fungizid gegen zahlreiche Pilzarten;
  • ebenfalls bei Pflanzen, Menschen und Tieren wurde eine immunstärkende Wirkung festgestellt und man vermutet darüber hinaus eine prophylaktische antivirale Wirkung.
  • Niem hat eine insektizide Wirkung, wobei es nicht akut tödlich, sondern auf den Hormonhaushalt von Fraßinsekten wirkt und so gleichzeitig unschädlich für bestäubende Insekten wie Bienen ist.
  • Auf einige Insekten und auf Schnecken wirkt Niem wegen seines Geruchs und Geschmacks abschreckend.

Biologisches Waffenarsenal
Niem besitzt eine Vielzahl biologisch wirksamer Inhaltsstoffe, von denen mehr als 20 in die Gruppe der Triterpenoide eingeordnet werden. Diese Stoffe werden in die Cuticula eingebettet, einer Wachsschicht, von der die Blätter einer Pflanze umgeben sind, um sie gegen Austrocknung und Krankheitsbefall zu schützen. "Terpenoide sind von zentraler Bedeutung für viele Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und tierischen/mikrobiellen Schädlingen/Nützlingen. Mehr als 20.000 verschiedene Terpenoide sind beschrieben worden; nur in wenigen Beispielen sind ihre Biosynthesewege und/oder ihre ökologischen Funktionen bekannt.(1)" Die im Niem vorkommenden und hier beschriebenen wichtigsten Triterpenoide werden in die Gruppe der Limonoide eingeordnet.

  • Azadirachtin in der wichtigste insektizid wirksame Inhaltsstoff der Pflanze. Es ähnelt in seiner Struktur einem Hormon, das bei Insekten für die Entwicklung von der Larve über die Puppe zum fertigen Insekt zuständig ist. Azadirachtin wirkt als Blocker auf die Produktion und Ausschüttung dieses Hormons und unterbricht somit Wachstum und Fortpflanzung der Insekten. Dieselbe Wirkung hat es auf die Ernährung vieler Insekten und Nematoden (Fadenwürmer). Grundsätzlich hat Azadirachtin also eine antihormonale Wirkung.
  • Mellantriol und Salannin wirken auf Insekten als Freßinhibitor, d.h. sie führen dazu, daß das Tier "den Appetit verliert" und einfach aufhört zu fressen.
  • Nimbin und Nimbidin haben als weitere Triterpenoide offenbar antivirale Wirkung, sowohl bei Pflanzen als auch bei Tieren und prophylaktisch vermutlich auch bei Menschen. (2)

Die Inhaltsstoffe von Azadirachta indica sind hochwirksam. Azadirachtin wurde von der Biologischen Bundesanstalt als gesundheitsschädlicher Reizstoff klassifiziert, der nicht verschluckt oder eingeatmet werden darf und von Kindern fernzuhalten ist. (3)

Warenlager mit Nachfüllpackung
Es gibt keinen Pflanzenteil des Niembaumes, der nicht (wirtschaftlich) verwendet werden kann. Aus den Samen preßt man Niemöl, das außer im Pflanzenschutz auch in der Kosmetikindustrie eingesetzt wird. Die ausgepreßten und geschroteten Samen werden als Bodenzusatz oder für Spritz- und Gießbrühen verwendet. Blätter und Rinde kommen als Pulver oder Schrot in den Handel. Aus dem Holz fertigt man nicht nur Pflanzstäbe, es ist auch ein wertvolles Baumaterial. Die Zweige werden schon seit Jahrhunderten als "Zahnbürste des armen Mannes" verwendet und zeigen hier eine medizinische Wirkung, wie auch viele andere Bestandteile dieser Pflanze. Niemprodukte finden sich in der Medizin, Kosmetik, Tierpflege, Pflanzenschutz und im Baugewerbe. Niem ist ein nachwachsender, mit allen Pflanzenteilen verwertbarer Rohstoff, der in nachhaltiger Bewirtschaftung genutzt wird.

Hilfe zur Selbsthilfe: Niem als Globetrotter
Die universelle Nutzbarkeit, das schnelle Wachstum und die einfachen Techniken zur Weiterverarbeitung haben den Niembaum zu einem Mittel effektiver und selbsttragender Entwicklungshilfe gemacht. Weltweit wird der Baum meist in ökologischer Agrarwirtschaft in tropischen, trockenen und heißen Gebieten angebaut. Gefördert von der FAO (4) hat die Stiftung Landwirtschaft und Umwelt (FAMA) in der Dominikanischen Republik zahlreiche Projekte ins Leben gerufen:

  • "Umweltschutz
     Aufforstungsprojekte dörflicher Gebiete
     Umweltausbildung in ländlichen Schulen
     
  • Angepasster Landbau
     Förderung einer ökologisch angepassten und ökonomisch selbsttragenden Landwirtschaft
     
  • Niemprogramm
     Technische Ausbildung im lateinamerikanischen und karibischen Raum im Bereich Anwendung von Nieminsektiziden in der Pflanzenproduktion
     Aufbau und Unterstützung von ländlichen Sammel- und Verarbeitungszentren
     Produktion von 16 verschiedenen Niemprodukten zur Selbstfinanzierung der Stiftungsaktivitäten

Die Stiftung Landwirtschaft und Umwelt (in spanisch: Fundación Agricultura y Medio Ambiente - FAMA) ist in der Dominikanischen Republik ansässig und seit 1995 eine offiziell anerkannte gemeinnützige Institution.

FAMA arbeitet mit Kleinbauern und Frauen, die besonders stark von den Problemen der tropischen Landwirtschaft betroffen sind und die ökonomische Krise der ländlichen Region in der Dominikanischen Republik leben müssen. Um dieser Realität zu begegnen, sucht FAMA nach Methoden und Strategien, die den Lebensstandard der ländlichen Bevölkerung verbessern.

Das Einflussgebiet der Stiftung liegt im Südwesten der Dominikanischen Republik. Diese Zone zeichnet sich in erster Linie durch ganzjährige Trockenheit aus, mit einem jährlichen Niederschlag zwischen 500 und 800 mm. Der natürliche Bewuchs - "Subtropischer Trockenwald" - ist durch die intensive Nutzung stark reduziert worden. Wegen des fehlenden Wassers und der schlechten Bearbeitungspraktiken sind die Erträge in der Landwirtschaft gering und ständig gefährdet.

FAMA ging aus einem ehemaligen Entwicklungshilfeprojekt hervor, das sich für die Verbreitung des Niembaums in der Dominikanischen Republik erfolgreich einsetzte. In einer kleinen Baumschule zog man viele tausend Setzlinge, die an die Bauern verteilt wurden. Die mittlerweile herangewachsenen Bäume sind besonders in den halbwüstenartigen Trockenregionen des Landes von großem Vorteil. Der genügsame Niembaum eignet sich nämlich als Pionierpflanze, d.h. er wächst auch in unwirtlichen, erosionsgefährdeten Landstrichen, wo sonst nur Busch- und Dornengestrüpp anzutreffen sind und ermöglicht das Wachstum anderer Pflanzen. In seinem Schatten läßt sich z.B. Gemüseanbau für die Selbstversorgung der Landbevölkerung betreiben."
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Quellen:
(1) Bildung und Funktion ausgewählter Lipide auf pflanzlichen Oberflächen, Arbeitsgruppe Dr. Reinhard Jetter, Universität Würzburg:
http://www.botanik.uni-wuerzburg.de/LEHR2/Proj4.html
(2) vgl. "What's in a Neem", Nutraceutic.com, Inc.:
http://www.theneemtree.com/what.htm
(3) vgl. "Neem", zusammengestellt und bearbeitet von: Dr. habil. Stefan Kühne, Britta Friedrich - Institut für integrierten Pflanzenschutz, Kleinmachnow:
http://www.bba.de/oekoland/oeko3/neem.htm
(4) Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der UNO
http://www.fao.org
(5) "Zur Herkunft unserer Produkte": Gerald Moser, Niem-Handel:
http://www.niem-handel.de

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