Samenanzucht: Vor dem Keimen

Die Pflanzenzucht aus Samen ist für viele Arten die geeignetste Methode der (Nach-) Zucht. Zum einen erhält man die besten Ergebnisse in Bezug auf Wurzelbildung und Widerstandskraft für die Jungpflanzen, zum anderen läßt sich so das Werden und Gedeihen der Pflanze vom ersten Moment an beobachten und nachvollziehen. Unabhängig von der jeweiligen Pflanzenart gelten für eine erfolgreiche Anzucht aus Samen einige Grundsätze:

  • Keimfreiheit
  • Nährstoffarmut
  • Konstante Boden- und Klimaverhältnisse

 

Daneben können auch der Standort und der Zeitpunkt der Aussaat eine Rolle spielen. Alle Arten, die als Zimmerpflanze gehalten werden, können grundsätzlich ganzjährig ausgesät werden, denn die erforderlichen Keimbedingungen können durchaus auch mit Hilfsmitteln hergestellt werden. Lediglich für Freilandpflanzen sollten die empfohlenen Zeiträume für die Aussaat eingehalten werden.

Keimlinge von Orangenkernen
 

Anzuchtsubstrat
Die erste und wichtigste Entscheidung betrifft das Substrat, in das die Samen gepflanzt werden. In der Regel verbringe die Pflanzen nach dem Keimen noch die ersten Monate in diesem Substrat. Die wichtigsten Eigenschaften sind gute Durchlässigkeit für Wasser und Luft, Keimfreiheit und Nährstoffarmut. Diese Eigenschaften unterscheiden auch die verschiedenen Substrate. Hier ein kurzer Vergleich einiger verbreiteter Möglichkeiten:

  • Anzuchterde: Meist auf Torfbasis mit vermindertem Nährstoffgehalt, oft mit Zusatz von Wurzelwachstum fördernden Stoffen. Vorteile: fertiges Gemisch mit ausgewogener Nährstoffkombination, geeignetes Medium für die Pflanzen auch nach dem Keimen. Nachteile: neigt häufig zu Schimmelbildung und Bodenverfestigung, Schädigung der Torfmoore.
  • Torfquelltöpfe: gepreßte Torfballen in Form von Pellets, die im Wasser aufquellen. Vorteile: einfache Handhabung, sehr geringer Nährstoffgehalt, gute Luftdurchlässigkeit. Nachteile: neigt zu Schimmelbildung und Staunässe, Feuchtigkeitsgehalt schwer kontrollierbar, schädigt die Torfmoore.
  • Kokosfasern: meist als gepreßtes Brikett im Handel, das im Wasser aufquellt und dann ein fertiges Substrat darstellt. Vorteile: sehr gute Luft- und Wasserdurchlässigkeit, nährstoffarm, nachwachsender Rohstoff, meist preiswert. Nachteile: Briketts sind nur schwer portionierbar oder müssen als ganzes verwendet werden (ergibt 8-10 l Substrat), Schimmelbildung möglich, frühzeitiges Düngen erforderlich, Jungpflanzen sollten früher umgetopft werden.
  • Steinwolle (und Kunstsubstrate): in Platten verdichtete Steinwolle, die zum portionieren geschnitten wird. Vorteile: sehr gute Drainageeigenschaften, Nährstoffarmut, Keimfreiheit. Nachteile: Nähstoffe müssen frühzeitig komplett von außen zugeführt werden, Pflanzen müssen früh umgetopft werden.

Die besten Ergebnisse sind in vielen Fällen mit einem Gemisch aus Anzuchterde und Kokosfasern zu erwarten, das gegen Schimmelbildung vorbehandelt ist und gegebenenfalls mit Perlite (Bodenauflockerung) oder Sand (Verminderung des Nährstoffgehaltes) versetzt wird.

Keimfreiheit
Schimmelsporen sind überall in der Luft. Es kommt also nicht nur darauf an, das Substrat keimfrei zu bekommen sonder auch, es keimfrei zu halten. Für eine Grundbehandlung der natürlichen Substrate empfiehlt sich die Sterilisation in der Mikrowelle. Hierzu wird das Substrat in eine geeignete Schüssel gegeben, durchfeuchtet, mit einem Deckel abgedeckt aber nicht fest verschlossen und für 10 Minuten bei höchster Stufe in die Mikrowelle gestellt. Beim Portionieren ist darauf zu achten, daß das Substrat nicht mit den Händen zu berühren, da es sonst sofort wieder mit Sporen oder Bakterien versetzt wird. Es empfiehlt sich, sterile Handschuhe oder einen Löffel zu verwenden. Zusätzlich sollte nach dem Pflanzen dem Wasser zum ersten Gießen ein Fungizid (z.B. Chinosol, erhältlich in Apotheken) beigegeben werden. Nach dem Pflanzen ist auf regelmäßige Belüftung des Substrates zu achten und Staunässe zu vermeiden. Wenn möglich, sollte auch der Samen vor dem Einpflanzen mit einem Fungizid behandelt werden.

Pflanzgefäß
Dem Züchter stehen hier im wesentlichen drei Alternativen zur Verfügung, abgesehen von der direkten Aussaat ins Freiland natürlich.

Eine Auswahl von Pflanzgefäßen
  • Saatschalen: empfehlenswert für sehr feine Samen, die auf das Substrat aufgestreut werden. Die jungen Pflanzen sollten dann recht frühzeitig vereinzelt (pikiert) werden.
  • Topfpaletten: zu Paletten zusammengefaßte Einzeltöpfe. Empfehlenswert für die größere Samen. Es sollten pro Topfpalette vorzugsweise immer Samen derselben Spezies oder Samen von Spezies verwendet werden, die nach der Keimung ein etwa gleich schnelles (Höhen-) Wachstum haben, damit man die Paletten nicht auseinanderschneiden muß, um die Pflanzen voneinander zu trennen.
  • Einzeltöpfe: Ideal für die individuelle Anzucht unterschiedlicher Spezies, sehr einfach in der Handhabung. Wie bei Topfpaletten können die Keimlinge und Jungpflanzen länger im Gefäß verbleiben und ihr Wurzelwerk entwickeln. Die Pflanzen werden dann einfach mit dem gesamten Topfballen umgetopft und müssen nicht, wie bei Pflanzschalen erforderlich, aus dem umgebenden Substrat entfernt werden, was die Gefahr der Wurzelbeschädigung vermindert.

Übrigens, egal welches Gefäß Sie verwenden, Sie sollten es immer mit Namen und Datum beschriften, die Kontrolle verlieren Sie schneller als Sie denken.










Bei der Verwendung von Einzeltöpfen sollte der Topf mit einer Plastikfolie abgedeckt werden. Das Foto zeigt eine einfache selbstgemachte Abdeckung aus transparenter Plastikfolie. So wird ein konstantes Umgebungsklima mit hoher Luftfeuchtigkeit erreicht.

Klimatische Bedingungen, Standort
Für alle Samen gilt: sie lieben konstante klimatische Bedingungen und einen geschützten Standort. Wer nicht gerade ein ausgewachsenes Gartengewächshaus sein Eigen nennt, hat eine Reihe geeigneter Hilfsmittel zur Auswahl. Saatschalen werden bis zur Keimung der Samen mit einer Glasplatte oder mit Klarsichtfolie abgedeckt, für einzelne Töpfe läßt sich eine Haube aus transparenter stabiler Plastikfolie leicht selbst herstellen. Und wie die Abbildung zeigt, hält der Handel eine umfangreiche Auswahl von Zimmergewächshäusern für die Fensterbank bereit.

 All diese Hilfsmittel sollen ein Klima mit Wärme und hoher Luftfeuchtigkeit erzeugen, die für viele Arten ideal ist. Die Gewächshäuser sollten nicht in der prallen Sonne stehen, um eine Überhitzung zu vermeiden.






 Mit einem geeigneten Thermometer (die Abbildung zeigt ein In-Out-Thermometer mit externem Fühler und Min-Max-Speicher) sollte die Temperatur im Gewächshaus und die Bodentemperatur kontrolliert werden. Im Winter sollte das Gefäß zur oft sehr kühlen Fensterbank hin isoliert werden (z.B. mit einer Styroporplatte) und /oder ggf. zusätzlich beheizt werden. Ideal ist die hier gezeigte Heizmatte, die unter das Gewächshaus gelegt wird und auf der gesamten Fläche eine gleichmäßige Temperatur erzeugt. Alle ein bis zwei Tage sollte das Gefäß für ein paar Minuten belüftet werden, bei Gewächshausern sollten nach dem Keimen die Belüftungsklappen nach und nach immer weiter geöffnet werden bzw. der Deckel gekippt und später ganz entfernt werden. Bei geschlossenen Systemen ist ein Nachfeuchten des Substrates nur selten nötig, gegebenenfalls wird mit einem Handsprühgerät nachgefeuchtet, ohne das Substrat zu durchnässen. Wichtig ist, das Substrat nie austrocknen zu lassen, da das Saatgut sonst in den meisten Fällen geschädigt oder zerstört wird.

Vorbereitung der Samen
Viele Samen benötigen vor der Aussaat eine individuelle Vorbehandlung. Bei fast allen "greifbaren" Samen empfiehlt sich ein Vorquellen von 1 bis 2 Tagen im warmen Wasser. Lediglich sehr feine Samen werden direkt ausgesät. Einige Samen werden sogar mit kochendem Wasser überbrüht. Bei sehr hartschaligen, nußartigen Samen sollte vor der Aussaat die Schale beschädigt werden, damit die Feuchtigkeit besser an den Samenkern gelangt. Das wird erreicht durch anschleifen mit Sandpapier oder einer Feile (z.B. Ceratonia siliqua), durch einkerben der Schale mit einer Säge oder einem Messer (z.B. Ginkgo bilboa) oder durch vorsichtiges knacken der Schale (z.B. Santalum acuminata). Dabei ist jedoch darauf zu achten, den Samenkern keinesfalls zu beschädigen.

Bei einigen Arten ist es notwendig, den Samen zu stratifizieren, ihm also einen Winter vorzugaukeln. Hierbei wird gut angefeuchteter Sand in einen durchsichtigen Gefrierbeutel gefüllt und die Samen in den Sand gesteckt. Der Beutel wird dicht verschlossen und in den Kühlschrank gelegt, nicht in das Eiswürfelfach oder das Gefrierfach. Die Dauer variiert je nach Art von einigen Wochen bis zu 3 Monaten.

Nach jeglicher Vorbehandlung wird der Samen vor der Aussaat abgespült, mit Küchenkrepp abgetrocknet und wenn möglich mit einem Fungizid behandelt. Beim Auspflanzen gilt als Faustregel (außer bei Lichtkeimern): die ein bis zweifache Samendicke ist die Tiefe, in der die Samen gepflanzt werden. Das Substrat wird dann ganz leicht angedrückt und vorsichtig und durchdringend gewässert. Verwenden Sie möglichst weiches Wasser, dem Sie eventuell beim ersten Mal ein Fungizid und ein Insektizid beigeben.

Werden während der gesamten Keimzeit, die je nach Spezies von wenigen Tagen bis zu einem Jahr reichen kann, die Bedingungen konstant gehalten, steht der Keimung der Samen nun nichts mehr im Weg.

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